TORBALI.

banner_turkei

Unser Wirken und Tun rund um Torbali (Türkei) – Erfahrungsbericht

Aktuell befinden sich 2,5 Mio. registrierte Menschen auf der Flucht in der Türkei, was aber noch lange nicht alle sind, da ein grosser Teil nicht registriert ist. Der Grund für die grosse Anzahl an Menschen ist zum einen darauf zurückzuführen, dass die Türkei ein Nachbarland von Syrien ist, wo der grausame und zerstörerische Krieg im Gange ist. Somit ist es nahe liegend, dass viele Menschen Schutz im benachbarten Land suchen, in der Hoffnung, nach dem Krieg wieder zurück zu kehren, oder doch den Weg nach Europa zu wagen. Die konkreten Auswirkungen der politischen Weltlage, spüren die Menschen auf der Flucht. Diesen Menschen begegnen wir hier und versuchen ihre Not ein kleines bisschen zu mindern. Dies haben sich hier schon andere Gruppierungen zum Ziel gesetzt. Während der ersten Zeit unseres Aufenthaltes traten wir mit diversen Gruppierungen und Einzelpersonen in Verbindung, um herauszufinden, wer was wo und wie macht. Dabei lernte ich viele interessante Projekte und Menschen kennen. Mein erster Besuch in einem Camp war mit Iris, Nashwan und Cyril. Iris ist eine Deutsche, die in der Türkei lebt und bereits seit über einem Jahr engagiert ist. Nashwan ist aus dem Irak und selbst vom Krieg geflohen. Er ist eine grosse Hilfe als Übersetzer, Kulturvermittler und geniesst grössten Respekt und Anerkennung der Menschen hier. Die beiden wollten Essen in die Camps bringen. Wir begleiteten sie und unterstützen sie dabei. Mein erstes Zusammentreffen wie auch alle weiteren mit den Menschen aus den Camps hat mich stark berührt. Alle Leute, welchen ich begegnet bin, sind unendlich zuvorkommend, eher zurückhaltend, sehr würdevoll und dankbar. Die Frauen begrüssen mich grösstenteils mit drei Küssen auf die Wangen. Die Männer sind auf Abstand, halten die Hand vor ihre Brust und neigen den Kopf nach vorne. Dies blieb bei all unseren weiteren Besuchen gleich. Die Kinder rennen vielerorts voller Begeisterung auf mich zu und umarmen mich. Schon nur dieser Moment der Begrüssung prägte sich tief in mir ein. Die Bedingungen in den Camps sind unglaublich einfach und notdürftig. Die Leute wohnen in einfachen, selbst konstruierten Zelten aus Plachen. Am Boden sind Teppiche ausgelegt und zum Schlafen dienen oftmals dünne Matratzen. Gekocht und draussen auf dem Feuer und Kleider werden mit blossen Händen gewaschen. Die Kleider der Leute sind dreckig und oftmals kaputt. Die Kinder tragen selten Schuhe und viele Erwachsene nur einfache Sandalen. Die Haut der Kinder ist aufgeraut von der Witterung und die Haare struppig. Trotz dieser unglaublichen Armut ist die Stimmung sehr schön. Die unzähligen Kinder spielen, rennen umher und kommen neugierig auf mich zu. Die Frauen sind meistens am Kochen oder Waschen. Das Leben ist einfach aber sehr gemeinschaftlich und gruppenbezogen. Iris und Nashwan gehen ca. einmal in der Woche in abwechselnde Camps um Nahrungsmittel und manchmal Hygieneartikel zu verteilen. Andere Gruppierungen sind daran, Heizungen zu organisieren oder Zelte winterfest zu machen. Immer wieder begegnen wir anderen Gruppen, die in den Camps aktiv sind. Eine Koordination und ein reguläres Helfer-System gibt es nicht. Cyril versucht das ganze etwas zu vernetzen und Aufgaben auf zu teilen. Daraus ergab sich, dass wir (Cyril, Nashwan und ich) uns auf Hygieneartikel fokussieren. Da bereits Plachen, Decken und Matratzen von einer anderen Gruppe gebracht werden, entschieden wir uns für alle diese Familien in den bekannten Camps Duschmittel, Seife, Waschmittel, Abwaschmittel, Rasier, Schwämme, Feuchttücher, Windeln, Damenbinden und möglicherweise Kondome zu bringen. Aktuell überlegen wir uns in Absprache mit einer anderen Organisation, ob Trainings zur Verhütung notwendig sind. Durch die wertvolle Mithilfe von Yeliz, einer engagierten und sehr sympathischen Türkin machen wir eine Grossbestellung der Hygienesachen. Nashwan hilft bei der Abklärung, welches Camp wie viel braucht. So starten wir unser Projekt: 1500 Leute mit Hygienematerial versorgen. Auch wenn dies eine Hilfe für eine kurze Zeit ist, sind die Leute in den Camps dankbar. Was es aber brauchen würde, ist eine nachhaltige und langfristige Lösung. Dies wären Arbeitsplätze und eine Willkommenskultur für diese Menschen. Zwei lokale Gruppen bieten hier bereits Hand: ReVi stellt Armbänder und Strickmatrial mit den Leuten her um diese in Europa zu verkaufen. Imece – eine andere Gruppe – näht Kleider und Säcke und stellen so Arbeitsplätze für die Newcomers zur Verfügung. Bei unserem Besuch kaufte ich vier Taschen und ich konnte damit die Hälfte an eine neue Nähmaschine, die erneut einen neuen Arbeitsplatz bedeutet, finanzieren. Bei beiden Projekten sind super Leute involviert. Es war eine Freude und eine Bereicherung diese kennen zu lernen. Hierbei danke ich allen, die in irgendeiner Form hier oder in ihren Heimatländern engagiert sind und sich für die Menschen und somit für die Menschlichkeit einsetzen. Auch ich werde mit vielen wertvollen Begegnungen, Erinnerungen und Erfahrungen zurückkommen und mich an meinem Wohnort wieder voll und ganz meinem Engagement in der Politik, meiner konkreten Arbeit und meinen alltäglichen Aktionen und Begegnungen voller Solidarität und Liebe widmen.

An dieser Stelle bedanken sich Cyril und Anna für die grosszügige Unterstützung. Dank den vielen Spenden an den Verein FAIR. konnten wir hier in der Türkei einen kleinen Unterschied machen.

Für den Verein FAIR.
Anna Tanner

Und hier noch ein Bericht von Cyril, der in der Friedenszeitung Dezember 2016 publiziert wurde.

Dezember 2016 – „In den Flüchtlings-Zeltlagern von Izmir“ – Friedenszeitung

Februar 2016 – „Pressemitteilung über die Räumung der Lager in Izmir